Irreguläre Migration

Schon seit je her ist die Menschheit in Bewegung, wandert und erschliesst neue Gebiete. So breiteten sich die Menschen über die ganze Welt aus. Auswandern bzw. migrieren ist seit Urzeiten ein Mittel, um Armut oder Perspektivenlosigkeit zu entfliehen und sich anderswo eine bessere Zukunft aufzubauen.
Auch die Schweiz war bis zum zweiten Weltkrieg ein Auswanderungsland. Die meisten Emigranten flohen vor der dazumals herrschenden Armut. Zwischen 1850 und 1914 verliessen rund 400’000 Schweizer Bürgerinnen und Bürger ihre Heimat und wanderten meist nach Nord- und Südamerika aus. Dort wurden sogar Schweizer Kolonien gegründet, die oft die Namen der Heimatorte von Ausgewanderten erhielten. Heute ist die Schweiz eines der reichsten Länder der Welt und Ziel von vielen Auswanderungswilligen aus Europa und der übrigen Welt. Ganz anders sieht es in Gambia aus – viele Menschen dort träumen vom Auswandern und einer besseren Zukunft in Europa oder Amerika. Im Unterschied zu den auswanderungswilligen Schweizern im 19. und 20. Jahrhundert stehen ihnen aber meist keine Möglichkeiten offen, legal in ein amerikanisches oder europäisches Land einzureisen. So bleibt vielen nur die irreguläre Migration. Damit ist Migration gemeint, die entweder nicht legal oder unter Berufung auf eine Notsituation erfolgt. Das heisst, die Einwanderung in das Zielland erfolgt entweder illegal ohne gültige Ausweispapiere bzw. Visum, oder indem die Einreisenden ein Asylgesuch stellen, obwohl sie die Bedingungen für den Asylstatus nicht erfüllen.

Die Auswanderung aus Gambia nimmt zu. War das Land bis in die 90er Jahre noch ein Netto-Einwanderungsland, übertrifft heute die Zahl der Auswanderer diejenige der Einwanderer. 2010 verliessen netto rund 13’000 Personen das Land (Zahlen Weltbank).

Die Gründe für diese zunehmende Auswanderung sind in verschiedenen Bereichen zu suchen und nicht einfach zu eruieren. Seit den 60er Jahren verzeichnet Gambia eine stetige Abwanderung der Landbevölkerung in die eher städtische Küstenregion (Gebiet St. Mary Kombo). Lebten 1990 lediglich 38% der Gesamtbevölkerung im Gebiet St. Mary Kombo, waren es im Jahre 2006 bereits 55%. Diese Abwanderung ist hauptsächlich wirtschaftlich bedingt und wird vom Klimawandel weiter vorangetrieben, welcher die Bedingungen für die Landwirtschaft kontinuierlich verschlechtert.
In der Küstenregion von Gambia gibt es einen florierenden internationalen (Strand-)Tourismus, der einerseits Arbeitsplätze für Gambier und Gambierinnen schafft, sie andererseits aber auch mit Westeuropäern in Berührung bringt und ihnen unsere Lebensweise und unseren Reichtum vor Augen führt. Dies – verbunden mit den schlechten Lebensbedingungen, der hohen Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Perspektivenlosigkeit – führt bei vielen jungen Gambier zum Wunsch, selbst nach Europa auszuwandern. Der Wunsch zu migrieren ist in der gambischen Bevölkerung weit verbreitet. Viele junge Männer phantasieren, diskutieren und tagträumen über die Reise in Richtung Europa oder Nord-Amerika. Diesen Tätigkeiten widmen sie den größten Teil ihrer Zeit und verbringen lange Abende damit, ihre Reise sehnsüchtig zu planen. Es ist unmöglich, eine präzise Zahl der westafrikanischen AuswanderInnen, die Jahr für Jahr ihre Heimat verlassen, zu ermitteln. Gemäss der Weltbank leben 3,7% aller Gambier nicht in ihrem Land. Das entspricht etwa 56’762 Menschen. Gleichzeitig zeigen die geschätzten Geldrückflüsse in Höhe von 58 Millionen USD im Jahre 2006 die wirtschaftliche Signifikanz der MigrantInnen.

 Meist sind es junge Männer, die sich auf den Weg nach Europa machen. Dies bringt nicht nur für das Land selbst einen Verlust an den wertvollsten Arbeitskräften mit sich, sondern stellt auch die ganze Gesellschaft vor grosse Herausforderungen. Die Arbeitslast der Frauen nimmt aufgrund des Fehlens der Männer zu. Zusätzlich zu ihrem ohnehin schon grossen Pensum im Haushalt und bei der Kinderbetreuung müssen sie auch die traditionell vom männlichen Familienoberhaupt erledigten Aufgaben übernehmen. Die Kinder müssen ohne ihre Väter aufwachsen und lernen schon früh, dass alles Geld von Europa kommt. So lange dieser Kreis nicht durchbrochen werden kann, wird es weiterhin einen starken Druck geben, sich ein „Ticket nach Europa“ zu ergattern.